Nachwort von Ruth Defoy

 

Die vielen Monate, in denen ich mich mit den Kulturpreisträgerinnen und -trägern auseinandergesetzt und ihre Kurzbiografien geschrieben habe, haben mir viel Freude bereitet. Im dritten Jahr meines Amerika-Aufenthaltes konfrontierten sie mich mit liebenswerten Persönlichkeiten, die ich bereits seit meiner Kindheit kannte, wie Helmut Funke, Jochen Beyer, Prinzessin Margarete von Isenburg, Ludwig Sommer und Erland Schneck.

Ich begegnete Menschen wieder, denen ich in meinem Berufsleben etwas zu verdanken habe, wie meiner journalistischen Mentorin Ilse Werder, oder die mich während meiner Tätigkeit als Kultur-Reporterin beeindruckt haben, wie Angelika und Thomas Kippenberg, Diethard Wies, Günther Keim und Gertrud Rosemann.

Dann traf ich auf junge Leute, die ich wiederum schon als Kinder oder Heranwachsende erlebt habe, deren Talente ich erkannte und die ich hier und da ein bisschen fördern — oder zumindest ermutigen konnte, wie Benjamin Baumann, Peter Henning, die Mitglieder der Papiertheatergruppe und Jeanne-Marie Nigl.

Und schließlich lernte ich das künstlerische Schaffen von Frauen kennen, die ich in der Kulturpreis-Jury als streitbare und sehr engagierte Jury-Kolleginnen erlebt habe: Beate Hübner und Susanne Melchert.

Die Wiederbegegnungen haben Erinnerungen geweckt, so sah ich mich plötzlich als Vorschulkind aufgeregt hinter Gardinen lauern, um zu sehen, wie Margarete von Isenburg zum Tee bei meiner Großmutter erschien, und spürte noch einmal die maßlose Enttäuschung darüber, dass da nicht eine in rosa Tüll und Seide gekleidete Märchenprinzessin mit Krönchen den Aufgang heranrauschte, sondern eine behäbige Dame mit Turban. Ich sah mich stocksteif als 8jährige bei Jochen Beyer Modell sitzen für eine Rötelzeichnung und als 13jährige Dritte Geigerin im Schulorchester — trotz "Wassermusik" — schwitzen unter dem Dirigat von Musiklehrer Sommer, weil meine Babyspeck-Wurschtelfinger nicht so über die Saiten gleiten wollten, wie sie sollten!

Ich fühlte noch einmal den Kloß im Hals und die Anrührung, die mich während einer Aufführung von Kippenbergs "Albolina" erfasste, revozierte das ungeteilte Vergnügen als Zuschauerin der Wies’schen "Hühner-Revue" und spürte der Beklommenheit nach, die ein Probenbesuch bei Keims "Kaspar-Hauser"-Inszenierung auslöste.

Impressionen vom kleinen Benjamin Baumann tauchten auf, wie er als Zirkusdirektor souverän die Vorstellung des Kinderzirkus Raselli moderierte oder wie ich die giggelnden Kids von der Papiertheatergruppe in der Funktion einer Gouvernante auf einer Tournee nach Dänemark begleitete.

Aber es war nicht nur die Vergangenheit, die mich beim Schreiben faszinierte, es waren auch Neuentdeckungen darunter, Künstler- und Kulturschaffende, von denen ich bisher nur gehört hatte und die mich nun bei der Aufarbeitung des Archiv-Materials neugierig machten, mich begeisterten: Sigrid Schraube, Sabine Barth, Michael Kraneis, Jürgen Wölbing, Norbert Wöller (…) und die ich bei Gelegenheit gerne persönlich kennenlernen würde.

Zum Schluss sei mir noch eine kritische Anmerkung erlaubt, denn bei der Arbeit an der Dokumentation gab es auch Momente, in denen sich mir die Feder sträubte. In der Anfangszeit, als die Preisvergabe noch stark von der Heimatstelle Gelnhausen beeinflusst wurde, sind Personen geehrt worden, deren Engagement in der NS-Zeit und deren Denken über diese Periode ihres Lebens unreflektiert und unkritisch geblieben ist. In den offiziellen Reden auf die Herren wurde diese Gesinnungslage weder angesprochen noch hinterfragt. Empört hat mich, dass in einem Fall die Preisverleihung dem Geehrten sogar ein Forum bot, sein ewig-gestriges Gedankengut zu äußern.

Getröstet hat mich, dass sich Anfang der 1980er Jahre unter dem Jury-Vorsitzenden Lenz die Kriterien änderten, zum einen machten die Sparkassen ab 1983 durch die Stiftung der Preisgelder eine Richtungsänderung möglich, zum anderen kamen Künstlerinnen und Künstler als sachkundige Bürger in die Jury und brachten neuen Wind in das Gremium.

Ich danke Landrat Eyerkaufer für die Chance, diese Dokumentation zu schreiben, ich danke Renate Nettner-Reinsel für die trans-atlantische Materialbeschaffung, ihr und der Jury-Vorsitzenden Heidi Bär für das Lektorat und danke dem Mann meines Herzens, Dr. Roland Wohlfart, für Geduld und Aufmunterung.

Ruth Defoy

St. Pete Beach, Florida