1978 schmerbach

1978 · Heimat- und Zeitgeschichtliche Forschung

Karl Schmerbach

Hannover 1896 - Schlüchtern 1978



Karl Schmerbach

Wer sich mit Leben und Werk von Karl Schmerbach beschäftigt, kann bald entdecken, dass er nicht nur ein Heimatforscher war, sondern auch mit Herz und Seele ein Dorfschullehrer. Dreißig Jahre nahm er diese Stellung allein in dem Vogelsbergdorf Streitberg ein, wo er Lehrer einer ganzen Gemeinde und einer ganzen Generation von Schulkindern war. Hier verfasste er sein erstes großes Geschichtswerk, das "Dorfbuch von Streitberg", in dem er auf mehr als 500 Seiten die Geschichte des kleinen Ortes, Lebenswege und -bedingungen seiner Bewohner und die Umwelt des Dorfes von der Geologie bis seinem speziellen Klima beschrieb. Das Vorwort schilderte in liebenswerter Manier den Entstehungsprozess als wechselseitige Inspiration von Empirie, Theorie und Praxis:

"Die vorliegende Arbeit ist das Ergebnis jahrzehntelanger Beobachtungs-, Sammel- und Forschungstätigkeit, die zum Teil aus dem Unterricht herauswuchs und diesem diente, ohne sich etwa ganz damit zu identifizieren. Die in der Volksschule — insbesondere der einklassigen — geforderte Vielseitigkeit, besonders in stofflicher Hinsicht, bestimmte mich, ein Gebiet nach dem anderen zu durchforschen. Dabei beschränkte ich mich nicht auf die Durcharbeitung der erreichbaren Literatur, sondern versuchte, zu den Quellen vorzudringen und durch eigene Beobachtung allgemeine Darstellungen auf ihre Gültigkeit für den Spezialfall nachzuprüfen, zu ergänzen und vor allem zu aktualisieren. Ist die Arbeit auch aus der Unterrichtspraxis erwachsen und für den heimatkundlichen Lehrer gedacht gewesen, so ist sie unter der Hand sowohl dem Umfang als der Form der Darstellung nach aus diesem engen Rahmen herausgetreten und ist so etwas wie eine Monographie geworden."

Erstes geschichtliches Interesse hatte schon der Student der Präparandeanstalt und des Lehrerseminars in Schlüchtern gezeigt, die der 1896 in Hannover geborene Schmerbach 1912—1916 besuchte. Später förderten Rektor Martin Schäfer und die Freunde Wilhelm Praesent, Joseph Stark und Julius Frey seine heimatkundlichen Neigungen. Die lokale Geschichtsforschung profitierte mehrere Jahrzehnte von diesen Verbindungen, wie man in den Heimatjahrbüchern "Bergwinkel Bote" und "Zwischen Vogelsberg und Spessart" nachlesen kann. Im Lauf der Jahre wechselten die Themen von der Naturbeobachtung und -beschreibung über örtliche Geschichtsprobleme hin zu wissenschaftlichen und überregionalen Fragen.

Einige Titel von Vorträgen und Aufsätzen verdeutlichen diese Entwicklung:

"Auf dem Wege zu einem neuen Weltbild", "Natur- und Landschaftsschutz", "Der Weinbau in Gelnhausen vor 500 Jahren", "Was wir von der Erbauung des Steinauer Schlosses wissen" und "Bäuerliche Wetterregeln", um nur ein paar wenige zu nennen.

1978 schloss Schmerbach die Umschrift des Stadtbuches von Hartmann Brell aus dem 15. Jahrhundert ab. Er hat das Dokument für die Allgemeinheit lesbar gemacht, es mit umfangreichen Registern nach Orten und Personen versehen und damit eine Quelle neu und leicht erschließbar gestaltet.

Neben diesen Studien war der Pädagoge, der nach seinen Dienstjahren in Streitberg von 1949 bis zu seiner Pensionierung 1953 Rektor in Schlüchtern war, 15 Jahre lang Chorleiter in Steinau und Schlüchtern und ebenso viele Jahre Organist in Niederzell.

 

In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte er sich zunehmend mit Rechtsproblemen des Mittelalters, schrieb Aufsätze zu Themen wie "Der Oberhof Gelnhausen" und "Die Stadt Gelnhausen als ein Stand des Reiches" und befasste sich noch mit der Umschrift des Schöffengerichtsbuches von Gelnhausen aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts. Diese Arbeit konnte er allerdings nicht mehr zu Ende bringen, nur wenige Wochen nach der Verleihung des Kulturpreises starb Karl Schmerbach im Oktober 1978.