1981 hartmann

1981 · Heimat- und Zeitgeschichtliche Forschung

Ernst Hartmann

Königsberg 1901 – Bad Brückenau 1988 



Ernst Hartmann

Gemessen an den handschriftlichen Aktenseiten, die er verfasste, war Ernst Hartmann ein akribisch forschender Heimatkundler mit außerordentlicher Ausdauer. Über die Geschichte von Ost- und Westpreußen füllte er 13.000 Blätter, für das Preußische Wörterbuch sammelte er 25.000 Vermerke und über seine Wahlheimat Steinau an der Straße schrieb er 10.000 Manuskriptseiten. Für die letztgenannte Fleißarbeit ließ er sich von der Landesbibliothek Marburg während seiner zwölfjährigen Recherche "36 Pakete mit je bis zu 20 Pfund Archivalien" zusenden. Diese drei Forschungsprojekte waren lediglich die "opera magna" Ernst Hartmanns. Die stattliche Liste seiner Veröffentlichungen begann mit dem "Heimatbuch von Gilgenau" 1926, einem Beitrag über "Das Nationalitätenproblem im südlichen Ostpreußen (Masurenfrage)" 1929 und einem Schulbuch über "Das Reichsehrenmal Tannenberg" 1935.

Sie endete bei der Kulturpreisverleihung 1981 mit der Festschrift "250 Jahre Reinhardskirche Steinau" und der Auswertung von 1.020 Personaldaten von Steinauer Familien aus den Kirchenbüchern von Schlüchtern und Steinau.

Der agile Heimatforscher wurde 1901 in Königsberg, im ehemaligen Ostpreußen, geboren. Nach Beendigung der Volksschule besuchte er 1915—1918 die Königsberger Lehrerausbildungsstätte "Präparande". An den Lehrerseminaren von Waldau und Osterode setzte er seine Ausbildung bis zum Examen 1921 fort. Anschließend arbeitete er als Hauslehrer, bevor er 1924—1932 an preußischen Landschulen unterrichtete; bis zum Beginn des 2. Weltkrieges war er Mittelschullehrer in Königsberg.

Fachkenntnisse für die Erforschung von Regionalgeschichte erwarb er sich in "Kursen fürWissenschaftliche Heimatkunde", an denen er im Rahmen von Lehrerfortbildungen 1928, 1930 und 1931 in der Universität Königsberg teilnahm. In der folgenden Zeit war er dann Leiter der Arbeitsgemeinschaft Heimatkunde in Hohenstein und Archivpfleger des Staatsarchivs Königsberg für den Kreis Osterode. "Als solcher hatte ich die Aufgabe, alle in Kirchen-, Adels- und Privatarchiven vorhandenen, aber dem Staatsarchiv unbekannten Archivalien systematisch zu erfassen," erkärte er den Zuhörern während der Kulturpreisverleihung. Er fuhr fort: "Durch den Krieg, den ich vom ersten bis zum letzten Tag mitmachte, und die darauffolgende Gefangenschaft wurde der Fortgang meiner Arbeiten natürlich vollständig unterbunden; es sind die Jahre 1939—1946. Ich gab damals bereits mein Ostpreußen, meine unvergessliche Heimat, für endgültig verloren; denn wir Ostpreußen sagten schon immer: Wo der russische Bär seine Tatze hinsetzt, da lässt er sie nicht los."

1947 wurde er in den hessischen Schuldienst übernommen und war bis zu seiner Pensionierung 1964 Realschullehrer in Frankfurt.

Die Jahrzehnte des (Un-)Ruhestandes verbrachte er in Steinau, wo er unter anderem auf dem Marstallboden den Staub von Jahrhunderten aus städtischen Akten streifte und in elf Jahren seine dreibändige Stadtgeschichte verfasste.

Im 500 Seiten umfassenden ersten Band (1971) stellte er detailliert die Zeitspanne von der Frühgeschichte bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts dar. Im zweiten Band (1975) beschrieb er auf knapp 600 Seiten den Zeitraum von der 1543 eingeführten Reformation bis zum Übergang Steinaus aus der Grafschaft Hanau in die Landgrafschaft Hessen-Kassel 1736. Die Ausführungen verdeutlichten, dass und in welcher Weise Steinau in jener Zeit politischer und kultureller Mittelpunkt im oberen Kinzigtal war. Im dritten Band (1977) spannte er den Bogen auf etwa 400 Seiten bis ins 19. Jahrhundert.

Die Steinauer haben ihn zum Dank mit der Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet. Die Hessische Landesregierung verlieh ihm den Ehrenbrief, die "Kreisgemeinschaft Osterode, Ostpreußen" machte ihn zum Ehrenmitglied und überreichte ihm einen Wappenbecher.

Seine umfangreiche Materialsammlung über Ostpreußen liegt als "Depositum Hartmann" im Geheimen Staatsarchiv in Berlin, die ebenso voluminöse Arbeit über Hessen befindet sich als "Depositum Hartmann" in der Heimatstelle des Main-Kinzig-Kreises.

Ernst Hartmann wurde auf dem Friedhof in Steinau an der Straße beerdigt.